Ehrenamtliche Bildungsarbeit

Meine Arbeit als Zeitzeuge

Mario V.W.B.R. Obst spricht bei einer Führung in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße
Mario V.W.B.R. Obst während einer gemeinsamen Führung mit Dr. Jochen Voit durch den ehemaligen Gefängnistrakt am Tag des offenen Denkmals 2025. Foto: Stiftung Ettersberg, Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße

Erinnerung weitergeben

Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber ich kann erzählen, was geschehen ist – und jungen Menschen helfen zu verstehen, was fehlende Freiheit für einen einzelnen Menschen bedeutet.

Rückkehr nach Erfurt

Aus einem Haftort wurde ein Bildungsort.

Nach mehr als 30 Jahren kehrte ich nach Erfurt zurück – in erster Linie wegen meiner Eltern. Ich wollte mit ihnen noch einen Teil der uns verbleibenden Zeit erleben.

Bei einem späteren Besuch der Andreasstraße wandte ich mich an die Gedenk- und Bildungsstätte der Stiftung Ettersberg. An diesem Ort war ich 1989 selbst inhaftiert gewesen. Nun begann dort ein neuer Abschnitt meiner Geschichte: Ich erzählte von meinen Erlebnissen und sagte zu, mich an der Bildungsarbeit der Gedenkstätte zu beteiligen.

Heute begegne ich Schülerinnen und Schülern sowie jungen Menschen aus Deutschland und anderen Ländern. Ich berichte von meinem Leben in der DDR, meinem Wunsch nach Freiheit, meiner Verhaftung und der politischen Haft. Vor allem stelle ich mich ihren Fragen. Denn ein Zeitzeugengespräch lebt nicht nur vom Erzählen, sondern vom offenen Austausch.

Stationen meiner Zeitzeugenarbeit

Vom persönlichen Erzählen zur bleibenden Erinnerung.

  1. Mein Zeitzeugeninterview

    Die Gedenkstätte zeichnete meine Lebensgeschichte in einem ausführlichen Interview auf. Der Jahresbericht 2024 der Stiftung Ettersberg stellte mich anschließend als einen ihrer neuen Zeitzeugen vor und kündigte meine Mitwirkung an interaktiven Zeitzeugengesprächen an.

  2. Tag des offenen Denkmals

    Gemeinsam mit dem Gedenkstättenleiter Dr. Jochen Voit führte ich Besucherinnen und Besucher durch den ehemaligen Gefängnistrakt. An dem Ort zu sprechen, an dem ich einst eingesperrt war, verbindet meine persönliche Erinnerung unmittelbar mit historischer Bildung.

  3. Meine Lebensgeschichte am neuen Medientisch

    In der früheren Haftetage wurde eine neue Medieninstallation eröffnet. Auf dem digitalen Medientisch können Besucherinnen und Besucher 31 aufgearbeitete Biografien aus der Geschichte des Gefängnisses kennenlernen. Zu ihnen gehört nun auch meine Lebensgeschichte – dauerhaft zugänglich am historischen Ort.

National und international

Geschichte wird greifbar, wenn Menschen miteinander sprechen.

Bei den Gesprächen treffe ich nicht nur Schulklassen aus Thüringen und anderen Teilen Deutschlands. Auch internationale Jugendgruppen besuchen die Andreasstraße. Im Rahmen des Erasmus+-Projekts „Shared Memory“ sprach ich beispielsweise mit jungen Menschen aus Deutschland und Tschechien über politische Haft, Freiheit und die Frage, warum Erinnerung heute noch notwendig ist.

Jede ehrliche Frage ist willkommen. Gerade junge Menschen sollen widersprechen, nachfragen und ihre eigenen Gedanken entwickeln dürfen.

Meine Geschichte soll keine abgeschlossene Erzählung hinter Glas sein. Sie soll dazu beitragen, Diktatur zu verstehen, Demokratie bewusst zu leben und Freiheit nicht für selbstverständlich zu halten.

Zeitzeugengespräche

Erinnerung braucht Begegnung.

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