Ich machte nie ein Geheimnis daraus, dass ich schwul bin. Trotzdem hielt der Staatsapparat es für notwendig, genau das am 21. Februar 1989 in meiner Akte festzuhalten.
„Obst ist homosexuell.“
Mein Coming-out mit 14 Jahren
Ich war 14 Jahre alt, als ich mich outete. Zuerst sagte ich es meinen Eltern. Danach stand ich vor meiner ganzen Schulklasse und sagte offen, dass ich schwul bin. Meine Klassenkameraden wussten es, meine Lehrer wussten es – und in der Schule sprach es sich schnell herum.
Später wusste man es ebenso in meinem Umfeld während der Ausbildung zum Schneider. Ich hatte keine Angst davor, es zu sagen, und versuchte nicht, einen wesentlichen Teil meiner Persönlichkeit zu verstecken. Für die Menschen, die mich kannten, war meine Homosexualität längst keine geheime Erkenntnis.
Ost-Berlin, meine erste große Liebe und die Schoppenstube
Schon als Jugendlicher fuhr ich häufig nach Ost-Berlin. Dort hatte ich auch meine erste große Liebe. Mit Freunden aus Ost-Berlin ging ich oft in die damalige Schoppenstube an der Schönhauser Allee. Sie war einer der bekanntesten Treffpunkte für Schwule und Lesben und wurde vielfach als Zentrum der DDR-Schwulenszene beschrieben.
Für mich war dieser Ort vor allem Gemeinschaft: Menschen treffen, Freunde sehen und für einige Stunden selbstverständlich sein können. Zugleich blieb auch dieser Raum nicht unbeobachtet. Die Staatssicherheit überwachte die schwul-lesbische Szene, setzte Inoffizielle Mitarbeiter ein und „sicherte“ Treffpunkte verdeckt ab. Zeitgeschichtliche Berichte nennen für die Schoppenstube sogar drei dort eingesetzte hauptamtliche MfS-Mitarbeiter. Für die Gäste war nicht sichtbar, wer lediglich mitfeierte und wer beobachtete oder berichtete.
Dass ich regelmäßig nach Ost-Berlin fuhr, Beziehungen und Freundschaften pflegte und mich offen in diesem Umfeld bewegte, machte mich aus Sicht der Staatssicherheit offenbar zusätzlich erfassenswert.
Kein Geheimnis – und trotzdem aktenkundig
Umso absurder wirkt auf mich heute dieser einzelne Satz. Auf einem Blatt, das laut Kopf vom Staatsanwalt des Bezirkes Erfurt stammt und das Datum 21. Februar 1989 trägt, steht nichts weiter als: „Obst ist homosexuell.“
Was alle in meinem Umfeld längst wussten, wurde vom Staatsapparat erfasst, weitergegeben und aufbewahrt. Meine sexuelle Orientierung wurde zu einer Information, die aus Sicht der Behörden in eine Akte gehörte.
Mein „offizielles Zertifikat“
Heute betrachte ich diesen Vermerk mit einer gewissen Ironie als mein „offizielles Zertifikat vom Ministerium für Staatssicherheit“ – dafür, dass ich schlicht und einfach schwul bin. Wer hat denn so etwas schon?
Das klingt makaber. Aber mit dem Alter verändert sich manchmal der Blick auf solche Dokumente. Der Humor macht das damalige System nicht harmloser. Er hilft mir, mir diesen Satz heute anzueignen: Was damals kontrolliert und gegen Menschen verwendet werden konnte, ist für mich weder Makel noch Geheimnis.